Zweite Männer siegen mit Biss beim Tabellenführer 26:29

Es ist Sonntag, neun Minuten nach Anpfiff, wir befinden uns in der Flatow-Halle am Schlesischen Tor. Hier spielt der bisher ungeschlagene Tabellenführer, die HSG Kreuzberg II, gegen die zweite Mannschaft vom VfL Lichtenrade. Soeben hat die Heimmannschaft das 5:4 erzielt und wird in wenigen Sekunden den Ausgleich kassieren.

Es ist ein Spiel, in dem es um Biss geht. Damit ist in der Sportlersprache in der Regel im übertragenden Sinne eine Einstellung gemeint, mit der man sich in ein Spiel hineinarbeitet, „hineinbeißt“, den Kampf annimmt und auf die Zähne beißt, wenn es weh tut.

Auf der Seite der Gastgeber steht der Top-Scorer der Liga, auf der Seite der Gäste fehlt der Top-Scorer Nick, dafür ist auf der Position Marko nach längerer Verletzungspause wieder da.

Es ist ein körperbetontes Spiel, das von Beginn an bissig geführt wird. Die Abwehr der zweiten Männer ist von Beginn an hellwach und deutet früh an, dass hier eine der besten Saisonleistungen möglich ist. Jede Defensivsituation ist eng und umkämpft und im Angriff muss der Ball mit ebenso viel Leidenschaft körperlich und spielerisch ins gegnerische Netz gearbeitet werden.

Nach 10 gespielten Minuten gelingt dem Außenseiter ein erster 3:0-Lauf, zur Mitte der ersten Halbzeit wird Kreuzberg bei 7:11 zur ersten Auszeit gezwungen. Sie bringt die Gastgeber nur kurz in eine bessere Position, doch bis zum Halbzeitpfiff kommen sie mit 15:18 nur unwesentlich wieder ran.

Die Halbzeitanalyse ist klar. Das heute ist eine Mentalitätsschlacht. Fehler werden sofort bestraft, Diskussionen mit dem Schiedsrichter lenken nur ab. Die Lichtenrader schwören sich auf eine fokussierte zweite Halbzeit ein.

Wer die zweite Mannschaft über die letzten Wochen beobachtet heißt, weiß was jetzt kommt: die gefürchteten ersten 10 Minuten nach Wiederanpfiff. Und die Mannschaft bleibt auch hier ihrem Charakter treu und erlaubt sich eine erste nachlässigere Phase, die jedoch auch der Stärke des Gegners zuzuschreiben ist. Kreuzberg hat sich eine Halbzeitpause in Überlänge gegönnt und ganz offensichtlich überhaupt keine Lust, das Spiel aus der Hand zu geben.

Es ist immer noch Sonntag, wieder neun Minuten nach Anpfiff. Soeben hat die Heimmannschaft das 20:19 erzielt und wird in wenigen Sekunden den Ausgleich kassieren. Übrigens vom selben Spieler wie nach derselben Spieldauer in Halbzeit eins.

Es ist immer noch ein Spiel, in dem es um Biss geht. Die Zweite beißt sich jetzt zurück ins Spiel. Sie holt sich die Führung zurück, sie bleibt eng. Doch die Gastgeber zeigen jetzt Nerven. Nerven, als sie mit einer Doppelchance zwei mal frei an Chris scheitern. Nerven, als sie zur Mitte der Halbzeit eine rote Karte kassieren. Nerven, als ihre Nummer 4 Justin in die Umklammerung nimmt und von hinten zubeißt. Wie bitte? Beißt? Richtig gelesen! Luis Suárez lässt grüßen. Doch hier gibt es keinen Videobeweis, das haben wir im Handball ja auch gar nicht nötig. Viel wichtiger: der Tabellenführer zeigt Nerven, ist mit dieser Drucksituation nicht so vertraut wie die Gäste, die in dieser Saison in schöner Regelmäßigkeit enge Spiele bestreiten. Und auch hier setzt sich eine Geschichte der Saison fort: Die Crunchtime-Stärke der Lichtenrader Zwoten. Kreuzberg hat sich aufgerieben, sucht schnellere Abschlüsse, die Fehlerquote steigt. Lichtenrade bleibt kühl und beißt zu. Rein spielerisch natürlich. Das 25:28 in der 58. Minute ist der vorentscheidende Wirkungstreffer. Die zwei letzten Tore des Spiels werden sportlich geteilt: Sieg für den Außenseiter!

Es ist ein glanzvoller Sieg. Die überzeugendste Leistung der Mannschaft, spielerisch, kämpferisch und mental. Die Abwehr war die Basis, die Energie und Qualität im Angriff über alle eingesetzten Spieler stark verteilt. Es bleibt beim vierten Platz zum Ende der Hinrunde, doch bis zur Tabellenspitze sind es nur noch 2 Punkte. Das ist die Quittung für die Serie von 6 Siegen in Folge.

Zuletzt noch ein Dank an die mitgereisten Zuschauer, die nicht zum ersten Mal die Mannschaft unterstützt und angetrieben haben. Heute in der hitzigen Atmosphäre war es noch wichtiger als sonst, dass Ihr da wart. Es hat sich gelohnt!

 

Es spielten:

Schuleit, Degen (4), Zillmer (7, davon 4/4 Siebenmeter), Weiler (4), Ince (2), Nakic (3), Kurtz, Gericke, Seibt (2), Freis (3), Pigeon (4). Tor: Loescher (durchgespielt), Köppe.

Bank: Rieck, assistiert von Riemer & Kissling

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